Wir decken auf: Die häufigsten Missverständnisse zu mentaler Gesundheit

Von mentaler Krankheit sind mehr Menschen betroffen, als weitläufig bekannt. Studien zufolge steigen die Zahlen jährlich, wobei weniger als die Hälfte der Betroffenen die Versorgung erhalten, die sie brauchen. Wir beleuchten die Mythen und Stigma des Themas.

  • Psychische Erkrankungen sind kein Zeichen von Schwäche
  • Betroffene sind häufig in der Lage zu arbeiten
  • Stress, Überlastung und psychische Erkrankungen lassen sich vorbeugen
  • Psychische Erkrankungen sind häufig heilbar
  • Durch Hilfe kann eine schnellere Verbesserung erzielt werden
  • Depressionen und andere psychische Erkrankungen verlaufen individuell
  • Mentales Wohlbefinden betrifft alle
  • Es gibt viele Optionen, sich Hilfe zu holen

Vielleicht hast du das auch schon einmal gehört: Menschen mit psychischen Erkrankungen seien schwach oder selbst daran schuld, dass sie sich schlecht fühlen. Mythen und Missverständnisse um Erkrankungen wie Depression und Angststörungen halten sich beständig, wenngleich sie häufig nicht auf Fakten basieren.

Ein Drittel der deutschen Bevölkerung weist im Laufe eines Jahres psychische Erkrankung auf – die Dunkelziffer, gerade in auf dem Spektrum klinisch weniger bedeutsamer Beschwerden, dürfte dabei wesentlich höher sein. Dennoch bleibt das Thema weitläufig tabu. Am Arbeitsplatz und privat hat sich die offene Kommunikation und Prävention als vorteilhaft erwiesen.

Denn mehr Menschen sind betroffen, als weitläufig bekannt. Studien zufolge steigen die Zahlen jährlich, wobei weniger als die Hälfte der Betroffenen die Versorgung erhalten, die sie brauchen. Wann aber ist man überhaupt psychisch gesund? Laut World Health Organization (WHO) ist psychische Gesundheit „ein Zustand des Wohlbefindens, in dem eine Person ihre Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv arbeiten und einen Beitrag zu ihrer Gemeinschaft leisten kann.“ Falsche Informationen und Mythen rund um das Thema mentale Gesundheit sind nicht nur gefährlich, sie können es für Betroffene außerdem noch schwieriger machen, mit ihrer Erkrankung umzugehen. Wir haben uns einige der gängigsten Mythen angeschaut und decken auf.

Gängige falsche Vorstellungen über psychische Gesundheit

1. Psychische Erkrankungen sind ein Zeichen von Schwäche

Genau wie physische Krankheiten kann jede(r) von psychischen Erkrankungen betroffen sein. Genetische Voraussetzungen, Stress, Lebensumstände und soziale Verhältnisse sind entscheidende Faktoren. Studien zeigen, dass der Großteil der Ausfälle im Beruf auf mentale und nicht etwa physische Erkrankungen zurückzuführen ist. Der Mythos, psychische Erkrankungen – selbst psychische Tiefen – seien ein Zeichen von Schwäche, hält viele davon ab, offen über ihre Erkrankung zu sprechen. Therapeutische Betreuung kann nicht nur Betroffenen Bewältigungsmechanismen an die Hand geben, sondern auch im Alltag für mehr Gelassenheit sorgen und so psychische Erkrankungen vorbeugen.

2. Betroffene sind nicht in der Lage zu arbeiten

Unterschiedliche psychische Erkrankungen können mehr oder weniger schwer verlaufen und Menschen auf verschiedene Art und Weise betreffen. Häufig trifft ein gebrochener Arm auf mehr Verständnis als die Diagnose Burnout oder Depression. Dabei können Betroffene in beiden Fällen eingeschränkt sein, ohne ihre Arbeit aufgeben zu müssen. Arbeit ist laut UN-Konvention ein Recht aller Menschen und kann sich, sofern sie keine negativen Auswirkungen auf die beteiligte Person hat, positiv auf das Leben auswirken.  Offene Kommunikation und mehr Flexibilität haben sich als hilfreich erwiesen, mit psychischen Erkrankungen am Arbeitsplatz umzugehen. Die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie findet zudem positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, wenn Betroffene einen Beruf ausüben. Mehr Selbstbewusstsein, mehr Struktur im Alltag und Sinngebung sind nur einige der Vorteile.

3. Psychische Erkrankungen lassen sich nicht vorbeugen

Psychische Erkrankungen können jede(n) betreffen und aufgrund unterschiedlicher Einflüssen und Umstände auftreten. Dabei lassen sich bestimmte Erkrankungen wie beispielsweise Burnout aktiv vorbeugen, indem Menschen, die einen sehr stressigen Job ausüben, Kompetenzen erlernen, die ihnen helfen, ihre Ressourcen besser einzuteilen und trotz Stress gelassen zu bleiben. Gerade für Unternehmen kann sich die Prävention mentaler Erkrankungen als positiv erweisen, indem die Produktivität langfristig gesteigert wird und Ausfälle aufgrund von psychischen Erkrankungen reduziert werden.

4. Psychische Erkrankungen betreffen mich nicht

Gerade die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie sich berufliche, soziale und politische Umstände auf die mentale Gesundheit der Weltbevölkerung auswirken können. In Deutschland konnte in den letzten zwei Jahren ein Zuwachs von 17 % an moderaten bis starken psychischen Erkrankungen verzeichnet werden. Die Quote der allgemeinen Belastung und Stresszunahme dürfte weitaus höher ausfallen. Gerade wenn psychische Erkrankungen oder reduziertes mentales Wohlbefinden nicht erkannt und ggf. behandelt werden, können sie sich im Laufe der Zeit verschlechtern und im schlimmsten Fall zu vermehrtem Alkoholkonsum oder Drogenmissbrauch führen. Deshalb ist es wichtig diese zu erkennen, über sie zu sprechen und gezielt anzugehen.

5. Psychische Erkrankungen sind nicht heilbar

Je nach Art der Erkrankung können unterschiedliche Behandlungen wie Verhaltenstherapie, Medikamente, Gruppentherapie oder auch Achtsamkeitsübungen helfen, besser mit der derzeitigen Belastung umzugehen und Betroffenen durch die schwierige Phase zu helfen, indem sie die richtigen Mittel an die Hand bekommen.

Mythen über Depressionen

1. Menschen mit Depressionen können sich selber helfen

Der Mythos, dass sich Menschen mit Depressionen selber helfen können, hält sich hartnäckig. Dabei kann die richtige Unterstützung in Form von Therapie oder Beratung Betroffene unterstützen, besser mit ihrer Erkrankung umzugehen und sie so schneller auf den Weg der Besserung zu bringen. Beratung und Therapie kann zudem bei der Prävention psychischer Erkrankungen helfen. Toxischer Optimismus, der suggeriert, dass sich Betroffene selbst helfen könnten, indem sie positiver denken, negiert nicht nur die Schwere der Erkrankung, sondern unterstellt, dass psychische Erkrankungen zu einem gewissen Grad selbst induziert sind.

2. Depressionen gehen von selbst weg

Die Idee, dass Depressionen mit der Zeit verschwinden und eine Behandlung deshalb nicht nötig ist, stammt von der Vorstellung, dass psychische Erkrankungen ein Zeichen von Schwäche sind. Wenn Depressionen unbehandelt bleiben, können sie gravierende Folgen für Betroffene haben, die sich nicht selten sozial isolieren, zu Substanzenl greifen und die Erkrankung damit weiter intensivieren.

3. Nur Frauen leiden unter Depressionen

Genderstereotype haben die Vorstellung bekräftigt, Männer wären nicht von Depressionen betroffen. Zwar leiden Frauen statistisch gesehen häufiger unter der Erkrankung, doch führt das Stigma um mentale Gesundheit bei Männern dazu, dass dies zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird. Möglicherweise ist die Dunkelziffer weitaus höher und die Hürde gerade für Männer größer, sich professionelle Hilfe zu suchen.

4. Menschen mit Depressionen weinen viel

Nicht allen, die an Depressionen leiden, sieht man ihre Erkrankung an und nicht alle Betroffenen weinen. Statt zu weinen und ständig traurig zu sein, berichten viele Betroffene von einem Gefühl von Leere oder betäuben ihre Trauer mit einem Gefühl von Leere, generellen Desinteresse und Hilflosigkeit.

Wie steht es um unser Wohlbefinden?

Der WHO zufolge leiden rund 44,3 Millionen Menschen in der europäischen Region an Depressionen und rund 12 % der Gesamtbevölkerung im Jahr 2015 an einer psychischen Störung. In Deutschland leiden jährlich rund 17,8 Millionen Menschen an einer psychischen Erkrankung – 15,4 % von ihnen unter Angststörungen. Wie das Statistische Bundesamt berichtet, starben im Vorjahr 9206 Personen durch Suizid, 75 % von ihnen waren Männer – weitaus mehr als durch Verkehrsunfälle (3373). Laut DGPPN können zwischen 50 und 90 % der Suizide auf psychische Erkrankungen zurückgeführt werden. Vorurteile und Stigmatisierung mentaler Erkrankungen erschweren es nach wie vor, über die Thematik aufzuklären und Betroffenen die Hilfe zu bieten, die sie brauchen. Eine Vertrauensperson, professionelle Hilfe, Telefonseelsorge oder Selbsthilfegruppen können als erste Anlaufstelle dienen. In schweren Fällen empfiehlt es sich, einen Arzt aufzusuchen – entweder durch Überweisung des Hausarztes oder aber über die Weisse Liste. Mentale Belastung bis hin zu psychischen Erkrankungen sind weit verbreitet und können gut behandelt werden – bis hin zur vollen Genesung. Mentales Wohlbefinden betrifft jede:n, denn uns allen geht es einmal schlecht, wir alle erleben Trauer und Verlust und haben nicht immer die Kapazität, mit diesen Einschnitten adäquat umzugehen. Umso wichtiger ist es, dass solcherlei Fähigkeiten erlernt werden, Hilfe in Anspruch genommen und sowohl der Wahrung der mentalen als auch der körperlichen Gesundheit oberste Priorität gegeben wird.

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