Psychologische Sicherheit am Arbeitsplatz

5.6.2024

Psychologische Sicherheit begünstigt Motivation, Innovation und Produktivität. Aber wie wirkt sie sich konkret auf Einzelpersonen und Unternehmen aus und wie kann man sie etablieren?

Olga Klamut: Likeminded Psychologin & Autorin

Inhalt

Psychologische Sicherheit am Arbeitsplatz

Im dynamischem Umfeld des modernen Arbeitsplatzes muss psychologische Sicherheit als ein Eckpfeiler für die Förderung von Innovation, die Verbesserung der Teamdynamik und die Gestaltung einer gesunden Unternehmenskultur angesehen werden. Aber was ist psychologische Sicherheit und wie wirkt sie sich konkret auf Einzelpersonen und Organisationen aus?

Was ist psychologische Sicherheit?

Der von der Harvard Business School-Professorin Amy Edmondson geprägte Begriff der psychologischen Sicherheit am Arbeitsplatz ist ein entscheidendes Konzept, das ein Umfeld schafft, in dem Menschen sich sicher fühlen, ihre Ideen zu äußern, Risiken einzugehen und ohne Angst vor Repressalien zusammenzuarbeiten. Es ist ein Konzept, das ein Umfeld kreiert, in dem Mitarbeitende optimal funktionieren und im Unternehmen die Ergebnisse erzielen können, die sie sich wünschen.

Wenn wir an das Wort Sicherheit denken, denken wir vielleicht an physische Sicherheit als Voraussetzung für diese Definition. Psychologische Sicherheit ist jedoch ein menschliches Grundbedürfnis, das oft falsch interpretiert und vernachlässigt wird.

Im Gegensatz zu den offensichtlichen Manifestationen von geringer physischer Sicherheit, die sich in Form von körperlichen Krankheiten oder Schmerzen äußern können, ist das Fehlen von psychischer Sicherheit eine Gefahr, die im Verborgenen lauert. Ein Mangel an psychologischer Sicherheit ist wie ein hartnäckiger Stein im Schuh, der leise an unserer mentalen Gesundheit nagt.

Die menschlichen Grundbedürfnisse nach Sicherheit, Zugehörigkeit und Akzeptanz sind miteinander verknüpft, und wenn der psychologische Aspekt vernachlässigt wird, kann es dazu führen, dass die mentale Gesundheit beeinträchtigt wird.

Obwohl das Thema zunehmend in aller Munde ist, gelingt es derzeit nur 25% der Führungskräfte, psychologische Sicherheit für ihre Teams umzusetzen.

Eine aktuelle Studie des Ecsell-Institus hat auf der Grundlage der Analyse eines der weltweit größten Datensätze zum Thema psychologische Sicherheit einige erstaunliche Ergebnisse erbraucht. Die Studie zeigt, dass Teams, deren Führungskräfte bei psychologischer Sicherheit gut abschneiden, eine deutlich höhere Produktivität aufweisen und im Durschnitt 4,3 Millionen Dollar mehr pro Jahr einnehmen.

Wie sich psychologische Sicherheit auf unseren Körper auswirkt

Unser Nervensystem ist eng mit unserem Sicherheitsempfinden verknüpft. Wenn unsere Grundbedürfnisse, einschließlich der psychologischen Sicherheit, erfüllt sind, bleibt unser Nervensystem reguliert. Diese Regulierung ist für die Aufrechterhaltung der körperlichen und geistigen Gesundheit unerlässlich. Ein reguliertes Nervensystem deutet auf einen Zustand hin, in dem sich Körper und Geist sicher fühlen.

Im Gegensatz dazu führt ein Mangel an psychologischer Sicherheit häufig zu einer Dysregulation des Nervensystems. Diese Dysregulation kann sich in Form von erhöhtem Stress, Angst oder sogar einem Gefühl chronischen Unbehagens äußern. Im Laufe der Zeit kann die anhaltende Dysregulation des Nervensystems sowohl die körperliche als auch die geistige Gesundheit beeinträchtigen und sich auf die Produktivität, die Kreativität und das allgemeine Wohlbefinden auswirken.

Die positiven Auswirkungen von Sicherheit am Arbeitsplatz

Mehrere Studien haben die positiven Auswirkungen von psychologischer Sicherheit am Arbeitsplatz aufgezeigt. In einem psychologisch sicheren Umfeld ist es wahrscheinlicher, dass Menschen ihre einzigartigen Perspektiven einbringen, was das Zugehörigkeitsgefühl und die Arbeitszufriedenheit fördert. Die Akzeptanz von Misserfolgen als Teil des Lernprozesses ist ein entscheidender Aspekt. Es geht darum eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich Mitarbeitende wohlfühlen, wenn sie Risiken eingehen, weil sie wissen, dass Fehler eine Chance für Wachstum sind.

Um psychologische Sicherheit zu gewährleisten, müssen die Führungskräfte als Vorbild fungieren, klare Kommunikationskanäle schaffen und aktiv zu Feedback ermutigen. Führungskräfte spielen eine zentrale Rolle bei der Gestaltung der Unternehmenskultur, und ihre Anerkennung von Fehlern und die Ermutigung zu einem offenen Dialog geben den Ton für die gesamte Organisation an.

Die Rolle der Führung beim Schaffen von psychologischer Sicherheit

Bewusste Führung spielt eine zentrale Rolle bei der Schaffung und Aufrechterhaltung eines psychologisch sicheren Arbeitsplatzes. Führungskräfte müssen ein empfindliches Gleichgewicht finden zwischen der Freiheit, sich individuell auszudrücken, und der Aufrechterhaltung starker Grenzen und nicht verhandelbarer Vorgaben innerhalb des Teams.

Die Schaffung von Teamumgebungen mit viel Freiheit und Individualität mag manchen Führungskräften riskant erscheinen, aber genau hier kommen die höchsten Führungsqualitäten ins Spiel. Dieser Ansatz beinhaltet ein gewisses Maß an Delegation von Aufgaben und Abgabe von Kontrolle, was für Führungskräfte anfangs eine Herausforderung sein kann.

Zu echter Führung gehört jedoch, die Kontrolle zu behalten und gleichzeitig Freiraum zu lassen. Dazu muss man sich als Führungskraft selbst regulieren, dafür sorgen, dass sie eigenen Bedürfnisse befriedigt werden, und gegenüber den Teammitgliedern ehrlich und offen sein.

Bei echter Führung geht es um mehr als nur darum, auf einem Podest zu stehen; es geht um die Normalisierung von Fehlern und Misserfolgen. Ein Markenzeichen effektiver Führung ist es, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, Fehler zu beheben und aus ihnen zu lernen.

Wenn Führungskräfte Verletzlichkeit und Demut zeigen, fördern sie ein Umfeld, in dem sich die Teammitglieder sicher fühlen, dasselbe zu tun. Echte Führung beginnt damit, dass sich die Führungskräfte selbst psychologisch sicher fühlen. Wenn Führungskräfte ihr eigenes Wohlbefinden in den Hintergrund stellen, hat dies einen Dominoeffekt und fördert die psychische Sicherheit im gesamten Arbeitsumfeld. Führungskräfte, die ihre psychische Gesundheit in den Vordergrund stellen, schaffe die Grundlage für eine Kultur von Vertrauen, Zusammenarbeit und kontinuierlicher Verbesserung.

Die Vorteile von psychologischer Sicherheit für Organisationen

Psychologische Sicherheit kommt nicht nur dem Einzelnen zugute, sondern spielt auch eine entscheidende Rolle für den Erfolg des Unternehmens. Unternehmen, die psychologische Sicherheit priorisieren, sind in der Regel innovativer, produktiver und attraktiver für Talente:

    Engagement und Leistung der Mitarbeitenden: Ein psychologisch sicherer Arbeitsplatz ist ein Katalysator für mehr Engagement, Widerstandsfähigkeit und die Erbringung qualitativ hochwertiger Arbeit. Wenn sich die Mitarbeitenden sicher fühlen, ihre Meinungen und Ideen zu äußern, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie sich bei ihrer Arbeit engagieren. Dabei geht es nicht nur um die Erfüllung von Aufgaben, sondern um ein tiefes Gefühl von Einsatz und um Leidenschaft für die anstehende Arbeit.

    Resilienz: Darüber hinaus fördert psychologische Sicherheit die Widerstandsfähigkeit der Teammitglieder. In einem Umfeld, in dem Scheitern als Chance für Wachstum gesehen wird, werden Menschen angesichts von Herausforderungen widerstandsfähiger. Sie erholen sich von Rückschlägen mit neuer Entschlossenheit und tragen so zu einer dynamischeren und anpassungsfähigeren Arbeitskultur bei.

    Qualität der Arbeit: Die Qualität der Arbeit ist untrennbar mit psychologischer Sicherheit verbunden. Wenn Menschen sich unterstützt und wertgeschätzt fühlen, sind sie in der Lage, ihr Bestes zu geben. Das führt zu einer kollektiven Verpflichtung, qualitativ hochwertige Arbeit zu leisten, und fördert eine Kultur der Exzellenz und kontinuierlichen Verbesserung.


Zur Messung von psychologischer Sicherheit am Arbeitsplatz gehört die Bewertung des Grades an Offenheit, Vertrauen und Wohlbefinden in den Teams. Regelmäßige Umfragen, Feedbackgespräche und auf die Häufigkeit von konstruktiven Diskussionen zu achten kann Aufschluss darüber geben, wie es um psychologische Sicherheit im Unternehmen steht.

Psychologische Sicherheit am Arbeitsplatz ist eine Kultur, die offene Kommunikation schätzt, unterschiedliche Perspektiven zulässt und Fehler als Chance zur Verbesserung sieht. Es geht darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich jedes Teammitglied gehört und wertgeschätzt fühlt und die Möglichkeit bekommt, seinen Beitrag zu leisten.

Die wichtigsten Erkenntnisse

Wenn Organisationen die Komplexität und Anforderungen des modernen Arbeitsplatzes bewältigen wollen, kann die Bedeutung von psychologischer Sicherheit nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn psychologische Sicherheit ermöglicht, dass sich das Potenzial für Innovation, Zusammenarbeit und individuelles Wohlbefinden entfaltet und ein Arbeitsplatz geschaffen wird, der in der sich ständig weiterentwickelnden Berufswelt nicht nur überlebt, sondern auch aufblüht.

Die Erkenntnis, dass psychologische Sicherheit ein menschliches Grundbedürfnis ist, ist der erste Schritt zur Schaffung eines Arbeitsplatzes, an dem sich jede:r sowohl persönlich als auch beruflich entfalten kann. Psychologische Sicherheit von somatischer Perspektive zu verstehen, unterstreicht ihre Auswirkungen auf unser Nervensystem und hebt die Rolle hervor, die sie bei der Aufrechterhaltung von allgemeiner Gesundheit und Wohlbefinden spielt.

Ein psychologisch sicherer Arbeitsplatz, der das Engagement, die Widerstandsfähigkeit und die Qualität der Arbeit fördert, schafft die Voraussetzungen für einen langfristig größeren Unternehmenserfolg.

Eine bewusste Führung, die neben starken Grenzen und Vorgaben auch Freiräume zur Entfaltung lässt, ist der Grundstein für diese Gleichung. Auch wenn es schwierig erscheint, ein Gleichgewicht zwischen Freiheit und Kontrolle zu finden, so ist es doch dieses empfindliche Gleichgewicht, das wahre Führung ausmacht. Indem sie sich selbst regulieren, ihr eigenes Wohlbefinden in den Vordergrund stellen und Fehler als normal ansehen, können Führungskräfte ein Umfeld schaffen, in dem psychologische Sicherheit gedeiht und zu einer Kultur der Exzellenz und kontinuierlichen Verbesserung beiträgt.

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Quellen
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